Wer Restposten verramscht, kann sein selektives Vertriebssystem gefährden: Kammergericht verbietet eBay-Verbot – KG, Urteil vom 19.09.2013 – 2 U 8/09 Kart – Andere Oberlandesgerichte entschieden anders

Kammergericht - 2 U 8/09 Kart - Schulranzen

KG, Urteil vom 19.09.2013 – 2 U 8/09 Kart – Urteilsgründe nun veröffentlicht

Vielen Markenherstellern sind Angebote ihrer Waren über Amazon und eBay ein Dorn im Auge. Oft enthalten die Verträge mit den Vertriebspartnern deshalb Regeln über den Verkauf über Onlineplattformen. Solche Klauseln können kartellrechtswidrig und nichtig sein.

In einem aktuellen Urteil des Kammergerichts Berlin, dessen Urteilsgründe nun veröffentlicht wurden, klagte ein Einzelhändler gegen seinen Vertriebspartner, einem Hersteller von Markenschulranzen. Er wollte es diesem verbieten lassen, die Belieferung davon abhängig zu machen, dass er nicht über Internetplattformen wie eBay oder Amazon verkaufe. So war es nämlich in einer Klausel der „Auswahlkriterien für zugelassene Vertriebspartner“ des Markenherstellers geregelt. Das Kammergericht gab mit Urteil vom 19.09.2013 dem Einzelhändler Recht und bestätigte das erstinstanzliche Urteil des LG Berlin (Az. 16 O 729/07 Kart). Dieses hielt die Lieferbedingung für kartellrechtswidrig: Der Ausschluss des Vertriebs über Handelsplattformen stelle eine Einschränkung des Wettbewerbs dar. Auch die vom EuGH angenommenen Ausnahmen für qualitative selektive Vertriebssysteme lägen nicht vor. Bei solchen seien zwar Wettbewerbsbeschränkungen zulässig, wenn der Wiederverkäufer besondere Qualitäten aufweisen müsse, weil etwa das Produkt eine besondere Beratung oder einen besonderen Service brauche. Das aber könne bei Schulranzen nicht angenommen werden.

Kammergericht hält “eBay-Verbot” an sich für zulässig

Das interessante an dem Urteil: Das Kammergericht selbst hielt zwar das “eBay-Verbot” der Beklagten innerhalb ihres selektiven Vertriebssystems für zulässig. Ausnahmsweise könne sich die Beklagte darauf berufen, ihr Vertriebssystem – das eBay-Angebote ausschloss – sei für die Wahrung des Markenimages und des “Interbrand-Wettbewerbs” erforderlich. Zwar handele es sich nur um Schulranzen und nicht etwa von Kleidung oder Uhren, mithin um Produkte, die einen besonderen sozialen Status kommunizierten. Die Beklagte habe aber ein Produktimage aufgebaut, das ein überdurchschnittliches Qualitätsniveau signalisiere. Ein solches könne ein selektives Vertriebssystem grundsätzlich rechtfertigen und durch eBay-Angebote grundsätzlich beeinträchtigt werden. Denn diese Plattform werde in der Öffentlichkeit “immer wieder in die Nähe eines Flohmarktes gerückt”.

Aber: Wer Restposten verramscht, riskiert die Wirksamkeit seines selektiven Vertriebssystems – Hinweis auf “Sonderposten” reicht nicht aus

Im Ergebnis hat das Kammergericht im konkreten Fall aber dennoch das “eBay-Verbot” für kartellrechtswidrig und unwirksam. Denn die Beklagte habe ihr selektives Vertriebssystem diskriminierend gehandhabt: Sie selbst habe Ihre Markenrucksäcke über Discounter als Restposten verramscht, ohne dass dies für die Käufer erkennbar war. Auch der Hinweis, bei den Angeboten habe es sich um

“Sonderposten, so lange der Vorrat reicht”,

gehandelt, ändere daran nichts. Denn “Sonderposten” könnten auch aktuelle Modelle sein.

Das Kammergericht hat eine Revision zum BGH zugelassen. Denn andere Oberlandesgerichte entschieden ähnliche Fälle anders.

Andere Oberlandesgerichte entschieden zu Plattformverboten anders

Andere Oberlandesgerichte haben ähnliche Fälle bisher anders entschieden. Das OLG Karlsruhe hielt ein „eBay-Verbot“ bei Schulranzen für wirksam: Es könne nicht zweifelhaft sein, dass ein Markeninhaber seine Produkte nur über qualifizierte Fachhandelsgeschäfte vertreiben dürfe und einen Vertrieb über eBay ausschließen dürfe. Qualitative Anforderungen an den Wiederverkäufer seien nicht auf den Vertrieb von Luxuswaren beschränkt (OLG Karlsruhe, Urteil v. 25.11.2009 – 6 U 47/08 Kart). Auch das OLG München hielt ein „eBay-Verbot für wirksam, solange nicht generell der Internetvertrieb verboten werde (OLG München, Urteil v. 02.07.2009 – U (K) 4842/08).

Kartellrechtlich zulässige Beschränkungen des Onlinevertriebs

Nach § 2 Abs. 2 GWB in Verbindung mit Art. 2 der Vertikal-GVO gilt das Kartellverbot für bestimmte vertikale Vereinbarungen nicht. Wie die Europäische Kommission die Vertikal-GVO auslegen möchte, hat sie in den Leitlinien für vertikale Beschränkungen vom 19.05.2010, 2010/C 130/91, (http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:C:2010:130:0001:0046:DE:PDF), definiert. Richtet sich beispielsweise ein Webshop gezielt an ihm nicht exklusiv zugewiesenen Kunden – z.B. durch Bannerwerbung –  verkauft er „aktiv“. Solche Verkäufe können ihm wirksam verboten werden. Ebenso darf ein Markenhersteller auch Vorgaben für den Betrieb des Onlinehändlers machen und Anforderungen an die Präsentation der Produkte stellen. Ein Markenhersteller kann also beispielsweise zulässigerweise vom Onlinehändler, der Mitglied seines selektiven Vertriebs werden möchte, fordern, er möge auch einen physische Verkaufsstelle oder stationäre Ausstellungs- oder Präsentationsräume unterhalten (siehe Randnummer 54 der Leitlinien). Er darf auch Anforderungen an den Onlineshop selbst aufstellen und z. B. auch die Menge, der an einen einzelnen Endverbraucher zu verkaufenden Produkte vertraglich beschränken, um eine Belieferung von nicht zugelassenen Händlern zu erschweren (siehe Randnummer 52 lit c) der Leitlinien). Einem Onlinehändler darf zulässigerweise auch vorgeschrieben werden, dass sein Shop oder die zu benutzenden Drittplattform dem „Look and Feel“ der Marke entsprechen muss. Ein Markenhersteller kann seinem Händler auch vorschreiben, dass auf der Drittplattform, auf der die Ware angeboten werden soll, nicht das Logo dieser Plattform erkennbar sein darf (siehe Randnummer 54 der Leitlinien). Damit kann also der Markenhersteller letztlich auch einen Vertrieb über Amazon oder eBay verbieten.

UPDATE 15.09.2014: Landgericht Frankfurt am Main widerspricht den Leitlinien der Kommission: Kein generelles Logo-Verbot möglich

Das Landgericht Frankfurt am Main lehnt eine Anwendung der “Logo-Klausel” aus den Leitlinien der Kommission ausdrücklich ab. Laut Urteil vom 18.06.2014 (Az. 2-03 O 158/13) widerspricht diese Ansicht dem Sinn von Art. 4 lit.c der Vertikal-GVO.

Markenrecht oft nicht geeignet für Onlinevertriebsverbote

Mit dem Instrumentarium des Markenrechts können Angebote über Onlineplattformen aber oft nicht verboten werden. Wegen des „Erschöpfungsgrundsatzes“ kann ein Markeninhaber  einen Weiterverkauf  seiner Produkte nur dann verbieten, wenn nachgewiesen ist, dass ein solcher Weiterverkauf dem Ansehen der Marke tatsächlich schädigt. (vgl. EuGH v. 12.7.2011 – C-324/09 – L´Oréal SA u.a. / eBay International AG u.a.). Das wird in der Praxis selten gelingen.

Weitere Informationen zum Thema:

> Markenbeschädigung durch Onlinevertrieb – Können Markenhersteller den Onlinevertrieb verbieten?
> Wenn Marken verramscht werden – Restposten, Mängelretouren, Grauware und Test- und Musterware auf eBay und beim Discounter

> Online-Shops und Plattformen: Suchmaschinenoptimierung (SEO) mit fremden Marken und Firmennamen im Title Tag

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